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Episoden Kommentare

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Tödliche Kriegsspiele  
Dircules
22.09.2017 18:46:47
 
Der Verzweiflung von Shop und anderen kann ich mich nur anschließen. Hans Sievers halte auch ich für eine fürchterliche Fehlbesetzung - vor allem wegen der stimmlichen Nähe zu Gert Günther Hoffmann, dessen Stimmcharakter eher mit Haudegen-Gesichtern wie James Bond oder Captain Kirk in Verbindung gebracht wird. Naja, für diese Folge, die eine überraschend patriotische Seite des Inspektors offenbart, mag die Sprecherwahl etwas weniger unpassend sein.

Wein ist dicker als Blut  
Tonio
20.09.2017 21:03:06
 
Wein ist dicker als Blut und diese Episode ist schwächer als ihr Ruf – finde jedenfalls ich. Keinesfalls ein Totalausfall à la „Bluthochzeit“ und in einigen Aspekten sogar ausgesprochen stark, da haben die Fans dieser Folge (laut Wiki auch Peter Falk höchstselbst) schon recht. Die Stärken liegen (neben einigen Kult-Elementen, einer gewagten Spekulation über Columbos Nachwuchs sowie das erstmalige Vorkommen von „This Old Man“) in der Täterfigur, mit Donald Pleasance prominent besetzt, und in ihrem Verhältnis zu Columbo. Hier ist erstmals voll ausgefeilt, was Columbo, der große Humanist, in einer Ansprache in dem noch besseren „Alter schützt vor Morden nicht“ auf den Punkt bringt: Columbo billigt nicht die Morde, kann aber auch in „seinen“ Mördern noch liebenswerte oder zumindest nachvollziehbare Eigenschaften finden, für die er sie respektiert. Winzer Carsini (Pleasance) ist – darin eigentlich Columbo nicht unähnlich – ein nonkonformer Individualist. Der Inspektor möchte keinen Ferrari fahren, weil er „doch schon einen Wagen hat“, wie er hier sagt, nur als Beispiel. Und Carsini möchte Spitzenweine kreieren sowie erwerben, auch wenn sich dies nicht rentiert. Savoir-Vivre vor Profit, ein sympathischer Idealist, wenn auch ein bornierter Ignorant, da er außer der Welt des Weines wirklich gar nichts kennt. Droht also sein Steckenpferd abzustürzen, so ist dies für ihn wirklich eine Vernichtung von allem, was ihm etwas bedeutet. Daher ist klar, dass der Gegner, der ihn vom Steckenpferd zu stoßen droht, sterben muss. Daher ist andererseits auch klar, dass Carsini vom Morden und Vertuschen nicht besonders viel versteht und es Columbo reichlich leicht macht. Gelegentlich schätze ich, ähnlich Hitchcock, durchaus, wenn die psychologische Konsequenz auf Kosten der Plausibilität geht, hier aber wendet sich dies gegen Columbo, der immer dann am besten ist, wenn Scharfsinn und Empathie gleichermaßen gefordert sind. Und Ersteres ist unterfordert, schade, ein Beispiel: Einer wie Carsini, insoweit absolut stringent, kann sich in einen Menschen nicht hineinversetzen, dem sein Ferrari soviel bedeutet wie Carsini der Wein. Also stellt er den Ferrari des Toten mit geöffnetem Verdeck an eine Klippe und täuscht vor, dass das Opfer ihn dort mehrere Tage so abgestellt hätte, was es aber ums Verrecken nicht getan hätte. Ein echter Ferraristo liebt sein Schmuckstück eben genauso wie ein Winzer aus Leidenschaft die seinen. Kann man drauf kommen… Genauso wie der im Morden Ungeübte nach der Untat eine zittrige Hand hat und einem anderen Mann das Dekantieren eines edlen Tropfens erlaubt, was absolut ungewöhnlich ist.

Und dazu noch die Absurdität des Plans wie Columbos Falle: Dass Carsini seine gesamten Weinbestände aufs Spiel setzt, um die im Affekt noch nicht ganz zu Ende gebrachte Tat zu beenden, passt auch psychologisch nicht. Zu diesem Zweck fesselt er das Opfer, sperrt es im Weinkeller ein und stellt die Klimaanlage aus, um es dort ersticken zu lassen. Kann er wissen, dass dies genau zwei Tage später passieren wird? Die Außentür sieht nicht so aus, als sei sie luftundurchlässig. Kann Carsini ausschließen, dass sich das Opfer noch von den Fesseln befreien kann? Jedenfalls herumhüpfen, eine der zahlreichen Weinflaschen umwerfen, mit dem Glas die Fesseln durchschneiden und/oder zumindest durch eine Verwüstung darauf aufmerksam machen, dass jemand hier anstatt bei einem vermeintlichen Tauchunfall verreckt ist – dies erscheinen mir sehr naheliegende Möglichkeiten. Vielleicht sogar Hinweise geben, aber wir sind leider nicht im von mir sehr geliebten „Alter schützt vor Morden nicht“. Obwohl ich kein Naturwissenschaftler bin, erscheint mir die später geäußerte Annahme geradezu idiotisch, bei 40 Grad Außentemperatur wäre es in einem Weinkeller (!) bestimmt 60 Grad heiß geworden. Und selbst wenn: Dehydriert der Mann da nicht, kann man das nicht feststellen, kann man nicht Spuren des doch recht straff gezogenen Fessel-Seils feststellen? Und zu Columbos Falle wäre zu bemerken, dass er doch kaum wissen kann, dass Carsini daraufhin seine Weinbestände AN EINER GANZ BESTIMMTEN STELLE vernichten wird, was ihn schließlich verrät. Kurzum, kriminalistisch ist die Folge wirklich schwach, sodass auch ein Hitchcock’scher Hinweis à la „Logiker sind nicht kreativ“ nicht hilft: Wie beim Wein gilt: Die Dosis macht das Gift.

Darüber mögen die Qualitäten natürlich nicht vergessen werden, die oben weitgehend schon erwähnt wurden und die mit einem Hinweis auf eine von Julie Harris exzellent gespielte Figur dieser Rezension ein versöhnliches Ende geben mögen. Sie ist die Sekretärin Carsinis, ein wenig altjüngferlich, aber noch attraktiv und würdevoll, sodass sie Empathie, aber weder übergroßes Mitleid noch Spott erntet, ganz wunderbar. Sie himmelt Carsini an, versteht ihn aus tiefster Seele und muss als wahrhaft tragische Figur grad deshalb wissen, dass sie bei ihm nie wird landen können. „Frauen und Wein sind eine herrliche Pracht“, hieß einmal ein Schlager, aber Carsini ist wirklich dermaßen monokulturell, dass seine einzige Liebe nicht roten Rosen und roten Lippen, sondern rotem Wein gilt (um noch einen Schlager zu zitieren). Und weil die Dame das weiß, wird sie nicht die Passive bleiben, sondern die Handlung auf äußerst interessante Weise im letzten Akt vorantreiben. Carsini wählt am Ende das für ihn kleinere Übel (und dass das eine kluge Wahl war, mag man am frustrierenden, umgekehrten Finale des grandiosen „Match Point“ von Woody Allen erahnen). Darauf darf er mit Columbo anstoßen, in einer Episode, die nicht wirklich schlecht und manchmal großartig ist, aber gemessen an ihrem Ruf enttäuscht. 6 von 9 Punkten.

Ein Hauch von Mord  
Tonio
20.09.2017 20:03:06
 
Schönheit um jeden Preis… kann Gift sein, aber wen juckt das schon? Columbo und die Täterin (Vera Miles!) juckt es bald tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes, doch das wäre zu viel verraten in einer Folge, die gleichsam aufmerksam wie clever inszeniert ist und in der eben noch kleinste Elemente wie das Sich-Kratzen der Hand eine Bedeutung haben. In der Welt der Reichen und diesmal vor allem Schönen – der Welt der Kosmetika – geht es nicht nur bei der Herstellung giftig zu, da wird intrigiert und spioniert, dass sich die Gesichtsfalten biegen. Und weil eben auch experimentiert wird, erschlägt Vera Miles einen immerhin von Martin Sheen gespielten Chemiker kurzerhand mit dem Mikroskop. Die Chemie, soviel ist ja schon angedeutet, wird auch bei den Ermittlungen immer eine Rolle spielen. Die Chemie zwischen den Darstellern stimmt sowieso, grad dies ist wieder eine der von mir so geliebten Folgen mit einem starken weiblichen und prominent besetzten Mörder. Nur specal guest star Vincent Price hat im Grunde zu wenig zu tun und darf in zwei Szenen tun, was er in dieser Zeit leider stets tat: sich selbst spielen, vulgo sein Rollenklischee, das zur Selbstparodie zu verkommen drohte. Angenehmer sind da schon die Anleihen an den Horrorfilm bei den Untersuchungen zum Auffinden der besten Anti-Falten-Crème, natürlich am lebenden weiblichen Objekt, mit delirierender Farbgestaltung und einem Gestus von Frankenstein, der auch ein Mal erwähnt wird (endlich mal nicht mit dem üblichen Fehler, das Monster als „Frankenstein“ zu bezeichnen). Prompt setzt der Soundtrack das Theremin ein, DAS (Psycho-)Horror-Musikinstrument spätestens seit Hitchcocks „Spellbound“. Neben den üblichen hohen Kultfaktor-Standards wäre noch die Rolle einer jungen Sekretärin zu erwähnen, die fast so etwas wie die dunkle Seite Columbos zu sein scheint. Sie ist clever und hält das der Mörderin auch ein Mal fast schon im Columbo-Stil vor. Sie trägt, als Ausnahme unter den ganzen Supermondänen, eher burschikose Kleidung und lange Zeit einen Trenchcoat in der Farbe desjenigen Columbos. Sie raucht Kette, wenn auch Zigarette statt Zigarre. Sie mag bei einer etwas gewagten Interpretation dem Manne auch insoweit nahekommen, als sie trotz langer Haare etwas „männlich“ durch ihren Stil wirkt – wenn sie der Täterin einen Wangenkuss gibt, mögen die Genreforscher hellhörig werden. Damenhafte Kleider möchte sie in einer Boutique zwar haben, aber man sieht sie darin nie. Eine ungeheuer interessante Figur, Raucher sind eben die besten Denker, indes sind ihre Motive egoistisch und illegal. Wie dem auch sei, eine fast perfekte Folge, in der vielleicht höchstens mal wieder das Ende etwas überzogen ist: Warm lässt Columbo, der Einzelgänger, seine Armada so auffällig mit Tatütata anrücken, sodass die Täterin noch schnell ein Beweisstück entsorgen kann, auf das es dem schlauen Inspektor natürlich sowieso nicht ankommt? Dann hätte er ihr auch gleich sagen können, was er ihr am Ende eben sagt; die Szene davor ist überflüssig und im Grunde ein Austricksen des Zuschauers auf einem Niveau, das die Serie nicht nötig hat. Somit knapp unter der Spitzengruppe, 8 von 9.

Die vergessene Tote  
Tonio
18.09.2017 08:59:13
 
„Licht und Schatten“, wie es heißt, sind die Stoffe, aus denen sich Illusionen machen lassen. Diese Episode bietet sehr viel Licht und nur ganz wenig Schatten. Oft gehören die Folgen, die sich im weitesten Sinne in Illusionistenkreisen bewegen, zu den besten, weil die Mörder einerseits Illusionen schaffen und wie Regisseure ihre Morde inszenieren, andererseits aber auch Gefangene dieser Kunstwelt sind. Daher stört die Mischung aus arroganter Selbstsicherheit und extremer Verunsicherung des Täters nicht im Geringsten (man denke etwa an den Schauspieler-Täter in „Alter schützt vor Torheit nicht“, der angesichts der Überführung nur noch wirr Shakespeare zitiert). Die ganzen Reden über Illusion und Wirklichkeit sind stimmig – und haben ihre Rechtfertigung gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen, was leicht übersehen werden kann, sogar in der Bildgestaltung, wenn etwa in der Zaun-Szene plötzlich Ermittler wie Mörder HINTER dem Zaun, also in der Kunstwelt sind. Wer wen „hinter’s Licht führt“, kann trotzdem oder deshalb nicht leicht gesagt werden, zumal Columbo sich schließlich derselben Tricks bedient wie der Regie-Magier und Täter. Was Ersterer, dies als kleiner Kritikpunkt, am Ende vielleicht ein wenig zu sehr auskostet, mit für ihn eigentlich unpassender und etwas fieser Genugtuung und als Show, in der Columbo sogar einmal als großer Zampano mit rotem Frack und Zylinder zu sehen ist. Und warum nicht mehr aus der Szene gemacht wird, in der er sich einen Shake zubereitet, erschließt sich mir ebenfalls nicht (man wartet darauf, dass er am Ende verkündet, dabei etwas entdeckt zu haben, was auch nahegelegen hätte – aber grad dies kommt nicht). Ansonsten wunderbar, auch am Rande – schöne Nebenfiguren wie die von Columbo als „klasse“ bezeichnete ältere Sekretärin, die das sichtlich genießt, sowie Situationskomik, wenn der Polizist, man befindet sich ja auf einem Filmgelände, selbstverständlich als Komparse angesehen und nicht durchgelassen wird. Das alles hat Methode, die Sekretärin wird noch wichtig und Columbo nimmt das Geschehen wie gesagt zum Anlass, nun erst recht zu einem Schauspieler zu werden, um den Täter mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Für alle, die es mögen (und ich mag sowas sehr) gibt es noch diverse Film-Anspielungen. Wenn der Täter Columbo auf dem Regie-Kran mitnimmt, macht er sich nicht nur dessen Höhenangst zunutze (vgl. u.a. #02, #08), sondern mag das Kreisen auch an das Kreisen des Raumschiffs aus Stanley Kubricks „2001“ erinnern, wird doch beide Male der Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ dazu gespielt. Das Studio, ist – obwohl es hier anders heißt – offensichtlich dasjenige von „Universal“, die auch für Columbo verantwortlich sind. Hierauf deuten der falsche „Weiße Hai“ der Besuchertour und Plakate wie das des Universal-Klassikers „Dracula“ hin. Der Weiße Hai stammt von Steven Spielberg, der als ganz junger Mann Columbo #03 inszeniert hatte. Und auf dem Plakat von „Woman in Hiding“ ist deutlich der Name der Hauptdarstellerin Ida Lupino zu lesen, die zwei Mal bei Columbo mitspielte. 8 von 9 Punkten.

Wer zuletzt lacht...  
Tonio
18.09.2017 08:59:13
 
Wie immer betrachtet Columbo mit amüsiertem wie gelassenem Staunen die Welt der meist leicht und gelegentlich auch gar nicht bekleideten Supermodels, die auf einem luxuriösen Anwesen Foto-Shootings für ein Hochglanz-Herrenmagazins und Pool-Partys veranstalten (das Ganze spielt offensichtlich auf den „Playboy“ an, nur gibt es hier die „Nymphe des Monats“ statt das „Playmate des Monats“). Dort ermittelt er, weil die Miteigentümerin gegen den Willen ihres Partners ihre entscheidenden 51 % an einen britischen Medienmogul verkaufen wollte, aber nie in London ankam. Die Anzeichen verdichten sich für Columbo wie für uns: Das war wohl Mord… Die Episode gehört zu den absoluten Höhepunkten der Serie! Zunächst einmal ist das Beiwerk gelungen (z.B.: Columbos misslungene Jogging-Versuche à la „Geld, Macht und Muskeln“, die Verlockungen durch bessere Zigarren, da „Zigarrenraucher die besseren Denker“ seien). Aber es gibt einen interessanten Mehrwert in einer durch und durch stimmigen Episode. Beispielsweise scheint Columbos Bemerkung, bei Whodunit-Romanen nie auf den Täter zu kommen – vielleicht geklaut aus „Tenebre“ (1982) – nur ein typisches Understatement zu sein. Aber vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass man Schein und Sein, Fiktion und Realität besser auseinanderhalten sollte. Und genau dies, es sei dem Erstsehen nicht genauer verraten, wird Columbo diesmal zum Fallstrick fast schon tragischen Ausmaßes. Dieser Film geht tiefer als alle anderen in die Seele Columbos, der sich auch scheinbar geschlagen als Gentleman zeigt, aber gelichwohl allen Ernstes als schlechter Verlierer entpuppt. Meine Lieblingsfolgen sind oft diejenigen, die die meiste Empathie wecken. Während es sich ansonsten um Empathie mit dem Täter handelt (z.B. #62 mit Faye Dunaway), geht es diesmal um Empathie mit Columbo. Wir lieben ihn ja eh, da hat es eine ungeheure emotionale Kraft, ihn so verletzlich wie noch nie zu sehen. Sein Schutzpanzer bröckelt, wir blicken in seine Seele, seine Verletzlichkeit, der Fall geht ihm sozusagen unter die Haut. Warum dies so ist, sei für alle, die diese Folge erst noch sehen möchten, nicht verraten, aber es ist geradezu genial und verleiht dem Film eine konsequente Meta-Ebene – dass diese auf Plot-Ebene nicht ganz logisch ist, ist mir völlig egal. Das „Prinzip Columbo“ selbst wird auf den Prüfstand gestellt. Der Täter scheint, was ja sehr unwahrscheinlich ist, nicht nur genau zu wissen, dass grad Columbo mit der Untersuchung beauftragt wird. Er scheint auch kurz mal à la „Last Action Hero“ (1993) von der fiktiven in die reale Welt herübergekommen zu sein und sich alle bisherigen Columbo-Folgen angesehen und sie genau analysiert zu haben (mit Ausnahme von #09, „Ein Denkmal für die Ewigkeit“, in dem wie auch hier mit der Regel gebrochen wird, dass der Blitz nicht zweimal an derselben Stelle einschlage). Und damit ist er Columbos gefährlichster Gegner und beschäftigt sich die Serie auch mit sich selbst, indem sie sich und der Täter den Inspektor denkbar schwierigst herausfordert. Das gelingt trotz einer entscheidenden Abweichung vom Üblichen, ohne sie von den Füßen auf den Kopf zu stellen; das ist vielmehr ein intellektueller und emotionaler Kampf auf höchstem Niveau. Am Ende gibt’s the switch und the switch of the switch, soviel sein gesagt. Auch dies ist aber wunderbar und überhaupt nicht hergesucht. Wie schon in der von mir sehr geliebten Folge 02 scheitert ein ansonsten überragend guter Täter an einem absolut nachvollziehbaren Faktor: Während es in #02 das fehlende Gewissen und die fehlende Empathie des dort weiblichen Täters waren, ist es diesmal die Überzeugung, wirklich jede Frau um den Finger wickeln oder zumindest mit ihr reibungslos als partner in crime zusammenarbeiten zu können. Dass eine Dame noch skrupelloser ist als er, liegt jenseits seiner Vorstellungswelt. Dass es dadurch am Ende in Hin und Her gibt, ist absolut konsequent, sodass nicht nur der Täter zu der Verbrechenspartnerin, sondern auch der Inspektor sagen kann (kleine Anspielung für alle, die die Folge schon gesehen haben): „Bei Dir piept’s wohl?“

Tödliche Tricks  
Tonio
18.09.2017 08:58:46
 
Columbo ist zurück und sich treu geblieben, in einer Geschichte, die die gewohnten Elemente der Serie auf dem üblichen hohen Niveau zelebriert und die geschickt konstruiert ist, aber auch ein paar Schwächen hat. Schier endlos lang und etwas überzogen sind die Szenen, in denen der Ermittler den Täter „demonstrativ“ zerlegt, als ob man einem Menschen ewig und drei Tage den Unterschied zwischen einem Schlitz- und einem Kreuzschraubenzieher erklären müsste. Die Entlarvung der Scharlatanerie hätte nicht zelebriert, sondern nur erklärt werden müssen, zumal das Ergebnis für den Zuschauer erwartbar ist. Gegen Ende musste der Inspektor, wie er selbst gewohnt höflich zugibt, für seine Verhältnisse recht zynisch sein, was nicht stört und was tatsächlich notwendig war – aber dass er dabei ein m.E. doch recht hohes Risiko eingeht und nicht mal Zeugen hat, das verwundert dann doch. Neben ansonsten gutem Standard kann der Film indes bei dem interessant-spleenigen Milieu der Parapsychologie und Zauberei punkten, und dass das Militär sich allen Ernstes für Ersteres interessiert, wissen wir spätestens seit „Männer, die auf Ziegen starren“. Außerdem ist die Geschichte um Wirklichkeit und Illusion recht clever konstruiert: Beispielsweise ist der (nie offiziell) verratene Trick eines neunmalklugen Jungen mit dem Karo-As recht leicht durchschaubar. Dass aber ein weit schwierigerer Trick, den der Täter praktiziert hatte, im Grunde fast genauso geht, wäre mir ehrlich gesagt vorher nicht in den Sinn gekommen. Hier kitzelt der Film auch die Neugier des Zuschauers, weil er eine ganze Weile mit dem ehernen Zauberergesetz spielt, nichts zu verraten. Gleichwohl ist manches zu gedehnt und expressiv. Während früher mancher 70-Minüter die 90 Minuten hätte vertragen können, ist es hier umgekehrt. Unterm Strich gleichwohl ein gelungener Wiedereinstand, 7 von 9 Punkten.

Selbstbildnis eines Mörders  
Tonio
16.09.2017 21:59:10
 
Ein Höhepunkt der Serie! Der Zuschauer hat nicht nur den üblichen Informationsvorsprung, sondern darf im ersten Akt peu à peu genauso überrascht feststellen, dass der Täter nicht nur mit drei Frauen gleichzeitig „was hat“, sondern es sich sogar um eine einverständliche ménage à quatre“ handelt, wir dies später Columbo stutzen lässt. So wird effektvoll die Empathie mit unserem Helden gesteigert. Effektvoll, nie selbstzweckhaft und deutlich über dem Standard der sonst (was keine Kritik ist) besonders vom Drehbuch lebenden Serie ist die filmische Gestaltung, etwa wenn die Befragung der zwei noch lebenden Frauen ineinandergeschnitten ist, wenn Columbo und der Täter in die Schwarzweißexpressionismus-Traumsequenzen geschnitten sind oder wenn sich anscheinend die Rollen zwischen Columbo und einem Psychiater tauschen. Bei Letzterem extrem wenig Tiefenschärfe, der Psychiater im Vordergrund unscharf, das Interieur im Hintergrund dito, nur der Inspektor im Mittelgrund scharf – da ist klar, wer eigentlich wen analysiert und wer einen klaren Kopf hat bzw. bekommt. Das Drehbuch ist nicht minder exzellent und harmoniert mit diesem künstlerischen Gestaltungswillen. Um einen Künstler geht es, eine der Frauen hat er ermordet, ein Bild von Columbo malt er, ein Bild von ihm will er sich auch machen. Sinngemäß vergleicht er, wie es grad bei Columbo passender nicht sein könnte, sich und den Ermittler: Der Detektiv als Künstler, der wie der Maler die Welt erkennen, vulgo hinter Fassaden grad auch der Menschen sehen könne. Das ist eine schöne Huldigung an die Kult-Figur, aber auch Thema vieler Folgen: Mord als schöne Kunst betrachtet. Hier besonders grandios und vielschichtig in Szene gesetzt, in einer permanenten Vermengung von Schein und Sein, Kunst und Leben. Träume lassen die Realität herein, ein Bild und die Wahrheit stecken hinter einer Hülle, scheinbare Lippenstiftfarbe ist nur Malfarbe und so fort. Etwas irritierend zunächst die Eröffnungsszene, die zwar ungeheuer lustig ist, aber scheinbar nur ein Trostpflaster dafür, dass davon abgesehen der Auftritt des Inspektors diesmal besonders lange auf sich warten lässt. Später stellt sich aber doch noch heraus, dass mehr dahinter steckt – und dass das Verhalten von „Hund“, um das es am Anfang geht, verdeutlicht, wie sehr Eifersucht auch Menschen bissig machen kann. Am Ende sieht das Porträt von Columbo großartig aus. Dem Inspektor und dieser Folge ist das angemessen!

Bluthochzeit  
Tonio
12.09.2017 22:54:37
 
Nachdem ich den ungewöhnlichen „Undercover“ überraschend gut fand, versuchte ich es mit der Folge, die wohl am weitesten von den gängigen Elementen der Serie entfernt ist. Diesmal vermag ich aber weitgehend in das Lamento der Fans einzustimmen. Dabei ist das kein völlig misslungener Film, sondern als Krimi durchaus guter Durchschnitt. Leider erinnert das Nicht-Sehen der Entführung verdächtig an Roman Polanskis „Frantic“ (Zufall? Der Täter ist ein Psychopath) und das Ziel des Täters entfernt an „The Collector“ (1965) – zwei viel bessere Filme. Auch das Motiv bleibt wenig ausgearbeitet, wenngleich die Idee, dass der Täter sich die Lippen schminkt, noch die interessante Deutung zulässt, dass er seine Mutter und sein Vater zugleich sein will, was heißt: Täter und Opfer. Auf der Haben-Seite ist ganz klar die filmische Gestaltung bei Optik (u.a. ein Raum wirklich ganz in Weiß mit ebenso gekleideten Menschen, aus nachvollziehbaren Gründen) und Akustik (z.B. Geräusche, die eine junge Frau hört, bevor sie zum ersten Mal ihren Peiniger sieht). Der Rest ist ein in straffer Parallelmontage erzählter, durchaus spannender Wettlauf gegen die Zeit mit im besten Sinne konventioneller Detektivarbeit. Was das größte Problem ist, ist die Rolle Columbos. Der Webmaster hat schon recht darin, dass der Inspektor sich nicht gänzlich untreu wird: Er gibt am Anfang Amüsantes über die mal wieder nicht anwesende Gattin zum Besten. Er ist den anderen oft ein Stück weit voraus. Es gibt die spaßigen bis (im positiven Sinne) nervigen Gespräche mit den wie gewohnt originell-skurril-spleenigen Nebenfiguren wie einem Reinigungsmann, einem Fotografen und dessen Redakteurin. Es gibt das Humane, wenn Columbo die Angehörigen des Verbrechensopfers zu schonen versucht und am Ende einen gewalttätigen Zugriff noch abzuwenden versucht. Was es aber nicht gibt: den direkten Kontakt zwischen dem Täter und Columbo, von dessen oft mit gepfefferten Dialogen und Finten aller Art gewürzten Spielchen die Serie und die Hauptfigur so sehr leben. In dieser Hinsicht ist gerade das Ende sehr enttäuschend und nahezu „anticolumbianisch“. Insgesamt eher ein „Film MIT Columbo“ als „ein Columbo“. Ein Film, dem Columbo ein paar kleine Sahnehäubchen aufsetzt, ohne das Kuchenstück sein zu können. Ein Film, den die Figur des Columbo ein bisschen besser macht, der aber eigentlich auch ganz gut ohne ihn auskäme. Damit: ein ordentlicher Krimi. Aber ein schwacher „Columbo“.
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