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Die vergessene Tote  
Tonio
18.09.2017 08:59:13
 
„Licht und Schatten“, wie es heißt, sind die Stoffe, aus denen sich Illusionen machen lassen. Diese Episode bietet sehr viel Licht und nur ganz wenig Schatten. Oft gehören die Folgen, die sich im weitesten Sinne in Illusionistenkreisen bewegen, zu den besten, weil die Mörder einerseits Illusionen schaffen und wie Regisseure ihre Morde inszenieren, andererseits aber auch Gefangene dieser Kunstwelt sind. Daher stört die Mischung aus arroganter Selbstsicherheit und extremer Verunsicherung des Täters nicht im Geringsten (man denke etwa an den Schauspieler-Täter in „Alter schützt vor Torheit nicht“, der angesichts der Überführung nur noch wirr Shakespeare zitiert). Die ganzen Reden über Illusion und Wirklichkeit sind stimmig – und haben ihre Rechtfertigung gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen, was leicht übersehen werden kann, sogar in der Bildgestaltung, wenn etwa in der Zaun-Szene plötzlich Ermittler wie Mörder HINTER dem Zaun, also in der Kunstwelt sind. Wer wen „hinter’s Licht führt“, kann trotzdem oder deshalb nicht leicht gesagt werden, zumal Columbo sich schließlich derselben Tricks bedient wie der Regie-Magier und Täter. Was Ersterer, dies als kleiner Kritikpunkt, am Ende vielleicht ein wenig zu sehr auskostet, mit für ihn eigentlich unpassender und etwas fieser Genugtuung und als Show, in der Columbo sogar einmal als großer Zampano mit rotem Frack und Zylinder zu sehen ist. Und warum nicht mehr aus der Szene gemacht wird, in der er sich einen Shake zubereitet, erschließt sich mir ebenfalls nicht (man wartet darauf, dass er am Ende verkündet, dabei etwas entdeckt zu haben, was auch nahegelegen hätte – aber grad dies kommt nicht). Ansonsten wunderbar, auch am Rande – schöne Nebenfiguren wie die von Columbo als „klasse“ bezeichnete ältere Sekretärin, die das sichtlich genießt, sowie Situationskomik, wenn der Polizist, man befindet sich ja auf einem Filmgelände, selbstverständlich als Komparse angesehen und nicht durchgelassen wird. Das alles hat Methode, die Sekretärin wird noch wichtig und Columbo nimmt das Geschehen wie gesagt zum Anlass, nun erst recht zu einem Schauspieler zu werden, um den Täter mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Für alle, die es mögen (und ich mag sowas sehr) gibt es noch diverse Film-Anspielungen. Wenn der Täter Columbo auf dem Regie-Kran mitnimmt, macht er sich nicht nur dessen Höhenangst zunutze (vgl. u.a. #02, #08), sondern mag das Kreisen auch an das Kreisen des Raumschiffs aus Stanley Kubricks „2001“ erinnern, wird doch beide Male der Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ dazu gespielt. Das Studio, ist – obwohl es hier anders heißt – offensichtlich dasjenige von „Universal“, die auch für Columbo verantwortlich sind. Hierauf deuten der falsche „Weiße Hai“ der Besuchertour und Plakate wie das des Universal-Klassikers „Dracula“ hin. Der Weiße Hai stammt von Steven Spielberg, der als ganz junger Mann Columbo #03 inszeniert hatte. Und auf dem Plakat von „Woman in Hiding“ ist deutlich der Name der Hauptdarstellerin Ida Lupino zu lesen, die zwei Mal bei Columbo mitspielte. 8 von 9 Punkten.

Wer zuletzt lacht...  
Tonio
18.09.2017 08:59:13
 
Wie immer betrachtet Columbo mit amüsiertem wie gelassenem Staunen die Welt der meist leicht und gelegentlich auch gar nicht bekleideten Supermodels, die auf einem luxuriösen Anwesen Foto-Shootings für ein Hochglanz-Herrenmagazins und Pool-Partys veranstalten (das Ganze spielt offensichtlich auf den „Playboy“ an, nur gibt es hier die „Nymphe des Monats“ statt das „Playmate des Monats“). Dort ermittelt er, weil die Miteigentümerin gegen den Willen ihres Partners ihre entscheidenden 51 % an einen britischen Medienmogul verkaufen wollte, aber nie in London ankam. Die Anzeichen verdichten sich für Columbo wie für uns: Das war wohl Mord… Die Episode gehört zu den absoluten Höhepunkten der Serie! Zunächst einmal ist das Beiwerk gelungen (z.B.: Columbos misslungene Jogging-Versuche à la „Geld, Macht und Muskeln“, die Verlockungen durch bessere Zigarren, da „Zigarrenraucher die besseren Denker“ seien). Aber es gibt einen interessanten Mehrwert in einer durch und durch stimmigen Episode. Beispielsweise scheint Columbos Bemerkung, bei Whodunit-Romanen nie auf den Täter zu kommen – vielleicht geklaut aus „Tenebre“ (1982) – nur ein typisches Understatement zu sein. Aber vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass man Schein und Sein, Fiktion und Realität besser auseinanderhalten sollte. Und genau dies, es sei dem Erstsehen nicht genauer verraten, wird Columbo diesmal zum Fallstrick fast schon tragischen Ausmaßes. Dieser Film geht tiefer als alle anderen in die Seele Columbos, der sich auch scheinbar geschlagen als Gentleman zeigt, aber gelichwohl allen Ernstes als schlechter Verlierer entpuppt. Meine Lieblingsfolgen sind oft diejenigen, die die meiste Empathie wecken. Während es sich ansonsten um Empathie mit dem Täter handelt (z.B. #62 mit Faye Dunaway), geht es diesmal um Empathie mit Columbo. Wir lieben ihn ja eh, da hat es eine ungeheure emotionale Kraft, ihn so verletzlich wie noch nie zu sehen. Sein Schutzpanzer bröckelt, wir blicken in seine Seele, seine Verletzlichkeit, der Fall geht ihm sozusagen unter die Haut. Warum dies so ist, sei für alle, die diese Folge erst noch sehen möchten, nicht verraten, aber es ist geradezu genial und verleiht dem Film eine konsequente Meta-Ebene – dass diese auf Plot-Ebene nicht ganz logisch ist, ist mir völlig egal. Das „Prinzip Columbo“ selbst wird auf den Prüfstand gestellt. Der Täter scheint, was ja sehr unwahrscheinlich ist, nicht nur genau zu wissen, dass grad Columbo mit der Untersuchung beauftragt wird. Er scheint auch kurz mal à la „Last Action Hero“ (1993) von der fiktiven in die reale Welt herübergekommen zu sein und sich alle bisherigen Columbo-Folgen angesehen und sie genau analysiert zu haben (mit Ausnahme von #09, „Ein Denkmal für die Ewigkeit“, in dem wie auch hier mit der Regel gebrochen wird, dass der Blitz nicht zweimal an derselben Stelle einschlage). Und damit ist er Columbos gefährlichster Gegner und beschäftigt sich die Serie auch mit sich selbst, indem sie sich und der Täter den Inspektor denkbar schwierigst herausfordert. Das gelingt trotz einer entscheidenden Abweichung vom Üblichen, ohne sie von den Füßen auf den Kopf zu stellen; das ist vielmehr ein intellektueller und emotionaler Kampf auf höchstem Niveau. Am Ende gibt’s the switch und the switch of the switch, soviel sein gesagt. Auch dies ist aber wunderbar und überhaupt nicht hergesucht. Wie schon in der von mir sehr geliebten Folge 02 scheitert ein ansonsten überragend guter Täter an einem absolut nachvollziehbaren Faktor: Während es in #02 das fehlende Gewissen und die fehlende Empathie des dort weiblichen Täters waren, ist es diesmal die Überzeugung, wirklich jede Frau um den Finger wickeln oder zumindest mit ihr reibungslos als partner in crime zusammenarbeiten zu können. Dass eine Dame noch skrupelloser ist als er, liegt jenseits seiner Vorstellungswelt. Dass es dadurch am Ende in Hin und Her gibt, ist absolut konsequent, sodass nicht nur der Täter zu der Verbrechenspartnerin, sondern auch der Inspektor sagen kann (kleine Anspielung für alle, die die Folge schon gesehen haben): „Bei Dir piept’s wohl?“

Tödliche Tricks  
Tonio
18.09.2017 08:58:46
 
Columbo ist zurück und sich treu geblieben, in einer Geschichte, die die gewohnten Elemente der Serie auf dem üblichen hohen Niveau zelebriert und die geschickt konstruiert ist, aber auch ein paar Schwächen hat. Schier endlos lang und etwas überzogen sind die Szenen, in denen der Ermittler den Täter „demonstrativ“ zerlegt, als ob man einem Menschen ewig und drei Tage den Unterschied zwischen einem Schlitz- und einem Kreuzschraubenzieher erklären müsste. Die Entlarvung der Scharlatanerie hätte nicht zelebriert, sondern nur erklärt werden müssen, zumal das Ergebnis für den Zuschauer erwartbar ist. Gegen Ende musste der Inspektor, wie er selbst gewohnt höflich zugibt, für seine Verhältnisse recht zynisch sein, was nicht stört und was tatsächlich notwendig war – aber dass er dabei ein m.E. doch recht hohes Risiko eingeht und nicht mal Zeugen hat, das verwundert dann doch. Neben ansonsten gutem Standard kann der Film indes bei dem interessant-spleenigen Milieu der Parapsychologie und Zauberei punkten, und dass das Militär sich allen Ernstes für Ersteres interessiert, wissen wir spätestens seit „Männer, die auf Ziegen starren“. Außerdem ist die Geschichte um Wirklichkeit und Illusion recht clever konstruiert: Beispielsweise ist der (nie offiziell) verratene Trick eines neunmalklugen Jungen mit dem Karo-As recht leicht durchschaubar. Dass aber ein weit schwierigerer Trick, den der Täter praktiziert hatte, im Grunde fast genauso geht, wäre mir ehrlich gesagt vorher nicht in den Sinn gekommen. Hier kitzelt der Film auch die Neugier des Zuschauers, weil er eine ganze Weile mit dem ehernen Zauberergesetz spielt, nichts zu verraten. Gleichwohl ist manches zu gedehnt und expressiv. Während früher mancher 70-Minüter die 90 Minuten hätte vertragen können, ist es hier umgekehrt. Unterm Strich gleichwohl ein gelungener Wiedereinstand, 7 von 9 Punkten.

Selbstbildnis eines Mörders  
Tonio
16.09.2017 21:59:10
 
Ein Höhepunkt der Serie! Der Zuschauer hat nicht nur den üblichen Informationsvorsprung, sondern darf im ersten Akt peu à peu genauso überrascht feststellen, dass der Täter nicht nur mit drei Frauen gleichzeitig „was hat“, sondern es sich sogar um eine einverständliche ménage à quatre“ handelt, wir dies später Columbo stutzen lässt. So wird effektvoll die Empathie mit unserem Helden gesteigert. Effektvoll, nie selbstzweckhaft und deutlich über dem Standard der sonst (was keine Kritik ist) besonders vom Drehbuch lebenden Serie ist die filmische Gestaltung, etwa wenn die Befragung der zwei noch lebenden Frauen ineinandergeschnitten ist, wenn Columbo und der Täter in die Schwarzweißexpressionismus-Traumsequenzen geschnitten sind oder wenn sich anscheinend die Rollen zwischen Columbo und einem Psychiater tauschen. Bei Letzterem extrem wenig Tiefenschärfe, der Psychiater im Vordergrund unscharf, das Interieur im Hintergrund dito, nur der Inspektor im Mittelgrund scharf – da ist klar, wer eigentlich wen analysiert und wer einen klaren Kopf hat bzw. bekommt. Das Drehbuch ist nicht minder exzellent und harmoniert mit diesem künstlerischen Gestaltungswillen. Um einen Künstler geht es, eine der Frauen hat er ermordet, ein Bild von Columbo malt er, ein Bild von ihm will er sich auch machen. Sinngemäß vergleicht er, wie es grad bei Columbo passender nicht sein könnte, sich und den Ermittler: Der Detektiv als Künstler, der wie der Maler die Welt erkennen, vulgo hinter Fassaden grad auch der Menschen sehen könne. Das ist eine schöne Huldigung an die Kult-Figur, aber auch Thema vieler Folgen: Mord als schöne Kunst betrachtet. Hier besonders grandios und vielschichtig in Szene gesetzt, in einer permanenten Vermengung von Schein und Sein, Kunst und Leben. Träume lassen die Realität herein, ein Bild und die Wahrheit stecken hinter einer Hülle, scheinbare Lippenstiftfarbe ist nur Malfarbe und so fort. Etwas irritierend zunächst die Eröffnungsszene, die zwar ungeheuer lustig ist, aber scheinbar nur ein Trostpflaster dafür, dass davon abgesehen der Auftritt des Inspektors diesmal besonders lange auf sich warten lässt. Später stellt sich aber doch noch heraus, dass mehr dahinter steckt – und dass das Verhalten von „Hund“, um das es am Anfang geht, verdeutlicht, wie sehr Eifersucht auch Menschen bissig machen kann. Am Ende sieht das Porträt von Columbo großartig aus. Dem Inspektor und dieser Folge ist das angemessen!

Bluthochzeit  
Tonio
12.09.2017 22:54:37
 
Nachdem ich den ungewöhnlichen „Undercover“ überraschend gut fand, versuchte ich es mit der Folge, die wohl am weitesten von den gängigen Elementen der Serie entfernt ist. Diesmal vermag ich aber weitgehend in das Lamento der Fans einzustimmen. Dabei ist das kein völlig misslungener Film, sondern als Krimi durchaus guter Durchschnitt. Leider erinnert das Nicht-Sehen der Entführung verdächtig an Roman Polanskis „Frantic“ (Zufall? Der Täter ist ein Psychopath) und das Ziel des Täters entfernt an „The Collector“ (1965) – zwei viel bessere Filme. Auch das Motiv bleibt wenig ausgearbeitet, wenngleich die Idee, dass der Täter sich die Lippen schminkt, noch die interessante Deutung zulässt, dass er seine Mutter und sein Vater zugleich sein will, was heißt: Täter und Opfer. Auf der Haben-Seite ist ganz klar die filmische Gestaltung bei Optik (u.a. ein Raum wirklich ganz in Weiß mit ebenso gekleideten Menschen, aus nachvollziehbaren Gründen) und Akustik (z.B. Geräusche, die eine junge Frau hört, bevor sie zum ersten Mal ihren Peiniger sieht). Der Rest ist ein in straffer Parallelmontage erzählter, durchaus spannender Wettlauf gegen die Zeit mit im besten Sinne konventioneller Detektivarbeit. Was das größte Problem ist, ist die Rolle Columbos. Der Webmaster hat schon recht darin, dass der Inspektor sich nicht gänzlich untreu wird: Er gibt am Anfang Amüsantes über die mal wieder nicht anwesende Gattin zum Besten. Er ist den anderen oft ein Stück weit voraus. Es gibt die spaßigen bis (im positiven Sinne) nervigen Gespräche mit den wie gewohnt originell-skurril-spleenigen Nebenfiguren wie einem Reinigungsmann, einem Fotografen und dessen Redakteurin. Es gibt das Humane, wenn Columbo die Angehörigen des Verbrechensopfers zu schonen versucht und am Ende einen gewalttätigen Zugriff noch abzuwenden versucht. Was es aber nicht gibt: den direkten Kontakt zwischen dem Täter und Columbo, von dessen oft mit gepfefferten Dialogen und Finten aller Art gewürzten Spielchen die Serie und die Hauptfigur so sehr leben. In dieser Hinsicht ist gerade das Ende sehr enttäuschend und nahezu „anticolumbianisch“. Insgesamt eher ein „Film MIT Columbo“ als „ein Columbo“. Ein Film, dem Columbo ein paar kleine Sahnehäubchen aufsetzt, ohne das Kuchenstück sein zu können. Ein Film, den die Figur des Columbo ein bisschen besser macht, der aber eigentlich auch ganz gut ohne ihn auskäme. Damit: ein ordentlicher Krimi. Aber ein schwacher „Columbo“.

Doppelter Schlag  
Tonio
11.09.2017 08:59:29
 
Eine schöne Folge, deren lose Enden ihr allerdings den Platz in den imaginären top ten kostet, insoweit stimme ich dem Webmaster diesmal voll und ganz zu. Kleine persönliche Ergänzung: Jeanette Nolan als gestrenge Haushälterin macht das gut und die Beziehung zu Columbo gehört zum Besten aus der Serie. Auch wenn die Anfeindungen diesmal besonders extrem sind, ist die Schlussszene, in der er behutsam ihre Hand nimmt, von zärtlich-trauriger Schönheit: Columbo respektiert ihre Ideale und fühlt, wie sehr sie schmerzt, dass diese durch die Aufdeckung des Falles viel stärker gebrochen sind als durch Columbos Zigarrenascherei. Wie viel lieber noch hätte ich die großartige Barbara Stanwyck in dieser Rolle gesehen und frage mich, warum sie das nicht gemacht hat oder nicht gefragt wurde. „Missy“ wäre einfach perfekt gewesen, hätte vom Alter gepasst und hatte damals nicht nur eine ähnliche Frisur, sondern war im TV sehr umtriebig und hätte mit ihrer Mischung aus schneidender Härte und Wehmut sowie überhaupt als exzellente Mimin wie Ar*** auf Eimer gepasst. Da hat die Arme in der Zeit so viel Mittelmäßiges im Fernsehen gemacht und das Bessere, eben „Columbo“, war nicht dabei, obwohl die Serie immer ein großes Faible für Gaststars aus Hollywood’s Golden Age hatte (Janet Leigh! Ida Lupino!! Anne Baxter!!! Mel Ferrer!!!!). So müssen wir uns mit ihrem Film-im-Film-Auftritt in dem von mir besonders geschätzten „Lösegeld für einen Toten“ begnügen, in dem ein Ausschnitt des Stanwyck-Klassikers „Frau ohne Gewissen“ kongenial eingesetzt wird.

Schach dem Mörder  
Tonio
10.09.2017 07:42:30
 
So richtig schlecht ist ja keine Folge, aber diese würde ich zu den etwas schwächeren zählen, teils – wie sollte es anders sein? – aus persönlichen Gründen. Die Mörder sind mal überheblich, mal tragisch, und hier versucht man sich an einem, der beides ist, was nicht aufgeht. Laurence Harvey (Harvey-Tolle und 1970er-Koteletten, oweh) gibt den Schach-Weltmeister Clayton, dessen Genie nur noch von seinen Minderwertigkeitskomplexen übertroffen wird, was ihn zum Versager (nach eigenen Maßstäben) und Mobbing-Opfer macht. Von seiner Nemesis, dem Ex-Weltmeister und späteren Mordopfer Dudek, albträumt er, und seinen Titel scheint er nur zu haben, weil Dudek in den Ruhestand gegangen ist. Jetzt treffen der amtierende Weltmeister und die Legende aber in Duell aufeinander, wobei sich die Reporter sofort auf Dudek stürzen, der zudem fiese Psycho-Tricks anwendet und Clayton bei zwei reeein zufällig stattfindenden Vorab-Partien auf dem Schachbrett und auch sonst unter der Maske des freundlichen Mannes fertigmacht. Clayton bekommt es auch später geballt ab, ihm gelingt schlicht gar nichts (dabei verbindet der Film geschickt immer wieder Schach und seine Schachzüge beim Verbrechen). Mir tat der Mann daher Leid, aber der Film fährt nicht diese Schiene (Ruth Gordon! Faye Dunaway!! Janet Leigh!!!), sondern ist gnadenlos und grausam. Auch wenn es zum Gesetz der Serie gehört, dass Columbo zumindest den Haupttäter nie verschont (okay, bei Janet Leigh gab’s einen guten Grund), hat man die Mischung aus Empathie und Prinzipienfestigkeit in anderen Folgen viel besser hinbekommen. Im Übrigen widerspricht die Aussage einer Frau (immerhin Heidi Brühl!), Dudek sei der Inbegriff des netten Menschen ohne Feinde gewesen, seinen fiesen Psycho-Zermürbungs-Tricks, die er wohl kaum nur gegen Clayton anwendet. Als nicht ganz so subjektiver Einwand wäre zu bedenken, dass (kleiner Spoiler) Columbo schon viel früher angesichts Dudeks Zustand nach dem ersten Anschlag hätte wissen müssen, dass dieser nicht von einem eingeschalteten Müllzerkleinerer herrühren kann.

Klatsch kann tödlich sein  
Tonio
08.09.2017 08:36:32
 
Columbo ermittelt im Film- und TV-Biz, eine gealterte Filmdiva spielt eine gealterte Filmdiva (Anne Baxter, für deren schmallippige Schönheit und Ausdruckskraft ich eine Schwäche habe, da sie herb-dominante Damen („Der Glanz des Hauses Amberson“), bedauernswerte Alkoholikerinnen („Auf Messers Schneide“), naive Mauerblümchen („Blue Gardenia“) und durchtriebene Intrigantinnen („Alles über Eva“) spielen kann – also schlicht alles). Mel Ferrer ist als Klatschbiograph immer noch charismatisch, und die Krone der Hollywood-Anspielungen ist der Kurzauftritt der legendären Kostümbildnerin Edith Head als sie selbst. Außerdem erfreut uns die Folge immer wieder mit Film-im-Film-Szenen, am Nettesten bei Anne Baxter am Steuer eines Pkw, mit fiesen Rückprojektionen. Die Arme muss jetzt „Fernsehen machen“; bemerkenswerterweise konnte man bei einer gewissen Fernsehserie namens „Columbo“ niemals miese Rückprojektionen sehen. Wenn man, wie ich, auf Hollywood’s Golden Age steht, kriegt man sich zudem vor Freude über das Erraten der Gesichter von Filmstars, die als Bilder in Mel Ferrers Wohnung hängen, kaum ein. Meines Erachtens ist das Ganze deutlich mehr als nur augenzwinkernde Liebhaberei am Rande und wird diese Doppelbödigkeit geschickt zum Teil der Handlung gemacht – nicht nur in der offensichtlichen Szene, in der Columbo beim Betrachten eines alten Baxter-Filmes (leider offensichtlich ein Nachdreh) auf ein Geheimnis kommt. Auffällig ist, dass bei den Filmstar-Fotos der Anteil derer, die jung gestorben sind, besonders hoch ist, was bereits auf das Morbide des Geschehens hinweisen mag (Carole Lombard! Jean Harlow, die zudem unter einer schrecklichen Klatsch-Biographie leiden musste, wie sie Mel Ferrers Figur nicht reißerischer hinbekommen hätte!! Rodolfo Valentino!!!). Und dann das Spiel der Anne Baxter! Man sollte ja meinen, eine gute Schauspielerin könne Columbo besser täuschen als andere. Kann sie aber nicht, und sie ist dennoch eine gute, eine sehr gute Schauspielerin und zugleich eine Diva. Divenhaft tritt sie auf, divenhaft und etwas aufgesetzt fällt sie ein Mal in Ohnmacht. Das ist aber bar jeglichen Kitsches und von großer Ausdrucks- wie Strahlkraft und scheint mir nur ein kluges Statement zu der Frage, ob in Kunst und Realität verschiedene Gesetze gelten: Ja, tun sie! Wer auf der Leinwand oder auch im Theater absolut überzeugend ist, ist es in der Realität noch lange nicht, da gelten einfach andere Gesetze. Und man sollte, wie so viele Mörder der Serie, nicht versuchen, etwas zu „inszenieren“. Von daher sind die Schauspielermilieu-Columbos oft die besten, und dieser gehört aus etwas persönlichen Gründen zur Top-Kategorie.
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